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4/2002

77 (2002) 4: Revolution in Military Affairs

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Abhandlungen

Mit Kant in den Krieg? Das problematische Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und der Revolution in Military Affairs
Harald Müller / Niklas Schörnig

Die aktuelle Revolution in Military Affairs (RMA) wird fast ausschließlich von westlichen Demokratien, allen voran den Vereinigten Staaten von Amerika, vorangetrieben. Dies ist kein Zufall, verspricht die RMA doch, zentrale demokratische Anliegen zu erfüllen: die Vermeidung eigener Opfer und die Schonung gegnerischer Zivilisten. Je besser es allerdings gelingt, diese Ziele erreichen, desto niedriger sinkt die Schwelle, die Demokratien an einem Kriegseintritt hindert. Diese für sich bereits hoch problematische Entwicklung stößt darüber hinaus eine doppelte Dynamik an: Erstens versucht der Westen um jeden Preis, seine technologische Vorherrschaft zu erhalten und gerät so in einem Rüstungswettlauf mit sich selbst. Und zweitens rechnen die meisten Beobachter mit „asymmetrischen Antworten“ von Staaten, die sich durch die westliche Rüstung bedroht fühlen, welche speziell in der Bewaffnung mit Massenvernichtungswaffen liegen könnten.

Informationskriegsführung und das Paradigma der Revolution in Military Affairs:Konzepte, Risiken und Probleme
Christian Mölling / Götz Neuneck

Die „Revolution in Military Affairs“ stellt heute einen zentralen Schwerpunkt der Sicherheitspolitik und der Rüstungsdynamik dar. Ihr zugrunde liegt die immer intensivere Integration von Informationstechnologien in Strategien, Waffensysteme und Streitkräftestrukturen. Diese Debatte wird überlagert von einem Diskurs über die künftige Rolle von Information als zentralem Faktor in den Kriegen der Zukunft sowohl hinsichtlich der sich dadurch eröffnenden Möglichkeiten als auch der sich daraus ergebenden Bedrohungen. Der Beitrag zeigt, dass unter dem Oberbegriff der Informationskriegsführung verschiedene Konzepte vermischt werden. Insbesondere die beiden Hauptstränge, die informationsbasierte Kriegsführung und der Cyberwar, weisen jedoch vielfache Unterschiede auf. Am deutlichsten wird dies beim Blick auf die ungleichen Ziele und Mittel sowie den jeweiligen Realisierungsstand, aber auch hinsichtlich der sich ergebenden Probleme, Risiken und Reaktionsmöglichkeiten.

Posthumane Kriegsführung: Ethische Implikationen der Revolution in Military Affairs
Christopher Coker

Wenn die Revolution in Military Affairs die Zukunft des Krieges repräsentiert, wirft sie beunruhigende Fragen über den Krieg als humanistische Erfahrung auf. In der neuen militärischen Umgebung werden Soldaten und Piloten wenig Bewusstsein von ihren eigenen Handlungen haben, da die Technologie zur grundlegenden Dynamik wird. Auch wird dem Krieg keine subjektive Realität mehr eigen sein. Statt dessen wird Realität durch technologisch produzierte Formen wie virtuelle Realitäten und Simulationen ganz wesentlich mit technologischen Mitteln medialisiert. Anstelle der Wirklichkeit der Geschichte werden wir es mit einer Wirklichkeit der Simulation zu tun haben. Und schließlich wird der Krieg auch keine intersubjektive Erfahrung mehr darstellen. Statt in eine  Schicksalsgemeinschaft mit dem Feind eingebunden zu bleiben, wird das amerikanische Militär sowohl emotional wie psychologisch vom Geschehen am Boden distanziert. Was die westliche Art der Kriegsführung in den letzten 2000 Jahre von Kriegen nicht-westlicher Gesellschaften unterschieden hat, sind mehr ihre humanistischen als ihre humanitären Grundzüge. Mit dem Verblassen dieser Merkmale aber bewegen wir uns in Richtung einer „posthumanen“ Zukunft, deren ethische Implikationen die Öffentlichkeit wie das Militär gleichermaßen beunruhigen sollten.

Die Debatte über eine Revolution in Military Affairs – Ein Kommentar aus völkerrechtlicher Sicht
Thilo Marauhn

Eine völkerrechtliche Auseinandersetzung mit der Debatte über die so genannte „Revolution in Military Affairs“ (RMA) ist dringend erforderlich. Dabei geht es nicht um eine Bewertung der aktuellen RMA in toto, sondern vor allem um eine Auseinandersetzung mit den unbeabsichtigten Nebenfolgen technologischer und konzeptioneller Veränderungen beim Einsatz militärischer Gewalt. Berührt werden Grundfragen des ius contra bellum, des ius in bello sowie des Rechts der Rüstungskontrolle. In all diesen Teilgebieten des Völkerrechts erwachsen neue Herausforderungen insbesondere im Zusammenhang mit neuen Akteuren (z.B. Terror-Netzwerke) und neuen Szenarien (z.B. transnationale und asymmetrische Konflikte).

Historische Miszelle 

Der Historiker und Pazifist Ludwig Quidde (1858–1941) – Träger des Friedensnobelpreises von 1927
Karl Holl

Ludwig Quidde (1858–1941), Sohn eines Bremischen Großkaufmanns, begann sein wissenschaftliches und öffentliches Wirken als Historiker des deutschen Spätmittelalters mit der Edition von Quellen aus dieser Epoche. Da seine politischen Überzeugungen sich auf die demokratisch-republikanischen Ziele der Märzrevolution gründeten, stand er der politischen Entwicklung in Deutschland kritisch gegenüber. Die Veröffentlichung der gegen Kaiser Wilhelm II. gerichteten satirischen Schrift „Caligula“ (1894) führte zum jähen Abbruch seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Fortan war er vor allem politisch im Rahmen linksliberaler Parteien und, mehr noch, in führender Stellung innerhalb der deutschen Friedensbewegung tätig. Sein Engagement für den Frieden trug ihm 1927 den Friedensnobelpreis ein. Der Beginn der NS-Herrschaft zwang ihn ins Schweizer Exil, wo er 1941 starb.