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1-2/2004

79 (2004) 1-2: Unternehmensverantwortung in Konflikten

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Abhandlungen

Transnationale Unternehmen in Gewaltkonflikten
Volker Rittberger

Dieser Einführungsbeitrag gibt einen Überblick über die Rolle von Unternehmen in Konfliktregionen. Es wird anhand von empirischen Beispielen der Zusammenhang zwischen Unternehmen, natürlichen Ressourcen und bewaffneten Konflikten skizziert, wobei unterschiedliche Handlungsoptionen von Unternehmen im Vordergrund stehen. Dabei wird neben den von zivilgesellschaftlichen Organisationen primär angepranger­ten negativen Beziehungen zwischen Unternehmen und Konflikten beson­ders auf positive Ansätze zur Regulierung der Tätigkeit von Unternehmen in Konfliktregionen hingewiesen. In einem letzten Abschnitt werden die sich daraus ergebenden Konsequenzen und mögliche Handlungsoptionen für staatliche Akteure (mit Fokus auf die Staaten in denen sich der Hauptsitz der Unternehmen befindet) diskutiert.

Unternehmen in Konfliktregionen: Problemfelder und Handlungsmöglichkeiten
Karen Ballentine / Heiko Nitzschke

Die Rolle von Unternehmen als bedeutende Bindeglieder zwischen loka­len Bürgerkriegsökonomien und den Weltmärkten für „Konfliktgüter“ ge­nießt in den letzten Jahren nie dagewesene wissenschaftliche und politische Beachtung. Eine Reihe von unterschiedlichen Unternehmen sind in kriegs­gebeutelten oder konfliktanfälligen Regionen aktiv, so zum Beispiel gro­ße und kleine transnationale Firmen, lokale oder regionale Unternehmen, sowie Geschäftsmänner und Vermittler. Um angemessene und effektivere Politikmechanismen zu entwickeln, muss besser verstanden werden, welchen Einfluss diese Akteure auf Konfliktdynamiken haben und wie die Möglichkeiten ihrer Regulierung aussehen. In den letzten Jahren wurden bedeutende Initiativen in den Bereichen unternehmerische Ethik, Menschenrechte, und Konfliktmanagement gestartet. Forschung und Politikpraxis machen jedoch deutlich, dass Unternehmensregulierung als ein Mittel der Krisenprävention und Konfliktlösung das gesamte regulative Spektrum nutzen muss - von frei­williger Selbstregulierung dieser Unternehmen bis hin zu rechtsverbindlichen Normen des internationalen Rechts.

Brauchen wir eine Ökonomie des Friedens? Eine Schweizer Perspektive auf die Verbindung der Wirtschaft mit Gewaltkonflikten
Daniele Ganser

Seit dem Fall der Sowjetunion hat sich eine Forschungsrichtung im Bereich der Internationalen Beziehungen verstärkt mit der Rolle der international tä­tigen Wirtschaft befasst, die sich nun auch spezifisch auf die Verbindungen zwischen Multinational Companies (MNCs) und Gewaltkonflikten kon­zentriert. Der Artikel differenziert im Sinne eines Überblicks zwischen einer „Ökonomie des Krieges“, durch welche die Wirtschaftstätigkeit Gewaltkonflikte intensiviert, und einer „Ökonomie des Friedens“, welche zur Deeskalation von Gewaltkonflikten beiträgt. Darauf wird versucht, zuerst mit einer internationalen Perspektive (Shell, De Beers, Blackwater) und dann mit einer Schweizer Perspektive (Credit Suisse, Triumph, Pilatus, SAM, Ethos) exemplarisch auf Unternehmen einzugehen, welche die „Ökonomie des Krieges“ oder die „Ökonomie des Friedens“ fördern.

Unterrnehmen der Rohstoffindustrie – Möglichkeiten und Grenzen der Konfliktprävention
Lothar Rieth / Melanie Zimmer

Die positive Rolle von transnationalen Unternehmen in Konfliktregionen ist erst seit kurzer Zeit zum Gegenstand der Forschung geworden. Der Artikel diskutiert zunächst, wie die Beteiligung transnationaler Unternehmen an der Konfliktprävention definiert werden kann. Ausgehend von dieser Definition werden zentrale Bereiche der Konfliktprävention eingeführt und mögliche Initiativen und Maßnahmen von Unternehmen identifiziert. Das Engagement von Unternehmen der Rohstoffindustrie wird anhand von zwei Fallbeispielen, Shell in Nigeria und BP in Kolumbien, skizziert. Eine der Herausforderungen dieses noch jungen Forschungsprogramms ist die Frage, wie das Verhalten von Unternehmen in Konfliktregionen erklärt werden kann. In diesem Artikel werden ausgehend von der bisherigen Forschung und den Fallstudien die Faktoren Corporate Social Responsibility, Druck durch zivilgesellschaftliche Akteure und die Bedeutung von Reputation betrachtet. Abschließend werden die Möglichkeiten und Grenzen eines Engagements von Unternehmen in der Konfliktprävention diskutiert.

Die Verteilung der Verantwortung für den Schutz der Menschenrechte: Die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat
Magdalena Bexell

Dieser Artikel untersucht die Konstruktion des Verhältnisses zwischen öf­fentlicher und privater Verantwortung für den Schutz der Menschenrechte in Debatten über Corporate Social Responsibility. Die Analyse basiert zum ei­nen auf einer konstruktivistischen Herangehensweise an die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat sowie auf einer Fallstudie der internationa­len Debatte der Jahre 1998 bis 2002 über die Aktivitäten des kanadischen Ölkonzerns Talisman Energy im Sudan. Es wird argumentiert, dass die Grenzziehungen zwischen öffentlich und privat politisch aufgeladen sind und auf internationaler Ebene das Verständnis von Macht, Autorität und Verantwortung beeinflussen. Wenn versucht wird, das Verhältnis zwischen Diskursen über Menschenrechte und solchen über wirtschaftlichen Profit in einer Weise darzustellen, dass diese sich gegenseitig unterstützen, führt dies dazu, dass transnationale Unternehmen als Träger der moralischen Verantwortung für den Schutz der Menschenrechte konstruiert werden. An-dererseits macht die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat die Iden-tifizierung der Art und Begrenzungen dieser Verantwortung schwieriger.

Nun sag, wie hast du’s mit den Global Players? Fragen an die Völkerrechtsgemeinschaft zur internationalen Rechtsstellung transnationaler Unternehmen
Karsten Nowrot

Trotz der gerade in jüngerer Zeit intensiv diskutierten Möglichkeiten ei­ner normativen Bindung transnationaler Unternehmen an internationale Menschenrechts-, Umweltschutz- und Sozialstandards und obgleich diese Wirkungseinheiten in ökonomischer wie politischer Hinsicht eine machtvol­le Stellung im gegenwärtigen internationalen System innehaben, wird von der bislang noch überwiegenden Auffassung im Schrifttum eine Völkerrechts-subjektivität dieser Akteure verneint. Ausgehend von einem Überblick über die allgemeinen Voraussetzungen für die Erlangung des Status als Völker-rechtssubjekt, werden in dem Beitrag zunächst eine Vielzahl der in diesem Zusammenhang relevanten völkerrechtlichen Steuerungsmechanismen auf ihre Bedeutung für das Bestehen und die Ausgestaltung einer internatio­nalen Rechtsstellung transnationaler Unternehmen hin untersucht. Hierauf aufbauend erfolgen eine kritische Auseinandersetzung mit den von der herrschenden Auffassung angenommenen Voraussetzungen der Völker-rechtssubjektivität und die Entwicklung eines neuen Ansatzes, wonach be­reits auf der Grundlage der faktischen Wirkungsmächtigkeit transnationaler Unternehmen eine widerlegbare Vermutung für das Bestehen einer völker­rechtlichen Pflichtenstellung gerade auch in Bezug auf ihre Aktivitäten in Konfliktregionen besteht.

Historische Miszelle

Der VN Global Compact: Was als Experiment begann ...
Lothar Rieth

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über eine der bekanntesten Initiativen zur Förderung von Unternehmensverantwortung. Neben der Entstehung und der Weiterentwicklung des Global Compact werden das Grundkonzept des Global Compact sowie die Beteiligungsmöglichkeiten für Unternehmen vorgestellt. Weiterhin wird die Hauptargumentation von Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zum Global Compact präsentiert, be­vor abschließend die Beziehung des Global Compact zu den Vereinten Natio-nen erläutert wird und Optionen beschrieben werden, wie er sich in Zukunft weiterentwickeln könnte.

Dokumentation


  1. The role of business in conflict prevention, peacekeeping and post-conflict peace-building 191Chairman’s summary of the discussion held by the Security Council on 15 April 2004 (U.N. Doc. S/2004/441)
  2. Security Council discusses role of business in conflict prevention, peacekeeping, post-conflict peace-building 193, Press Release, Security Council, 4943rd Meeting, 15 April 2004 (U.N. Doc. SC/8058)
  3. Auf dem Weg zu globalen Partnerschaften (2003) 196; Resolution der UN- Generalversammlung, 58. Tagung, 19. Dezember 2004 (U.N. Doc. A/RES/58/129)
  4. Auf dem Weg zu globalen Partnerschaften (2001) 201; Resolution der UN-Generalversammlung, 56. Tagung,11. Dezember 2001 (U.N. Doc. A/Res/56/76)
  5. Auf dem Weg zu globalen Partnerschaften (2000) 204;Resolution der UN-Generalversammlung, 55. Tagung, 21. Dezember 2000 (U.N. Doc. A/Res/55/25)
  6. Normen für die Verantwortlichkeiten transnationaler Unternehmen und anderer Wirtschaftsunternehmen im Hinblick auf die Menschenrechte 206; UN-Menschenrechtskommission, Unterkommission für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte, 26. August 2003 (U.N.Doc. E/CN.4/Sub.2/2003/12/Rev.2)
  7. The Ten Principles of the UN Global Compact 216
  8. Die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen (Neufassung 2000) 217
  9. Interlaken Declaration on the Kimberley Process Certification Scheme For Rough Diamonds, 5 November 2002 223
  10. Voluntary Principles On Security And Human Rights 226;Statement By The Governments Of The United States of America And The United Kingdom, 4 December 2000
  11. Shell Statement of General Business Principles 230; Royal Dutch/Shell Group of Companies (1997)