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2-3/2007

82 (2007) 2-3: Religion, Krieg und Frieden

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Dank an den ausscheidenden Mitherausgeber Knut Ipsen  

Einleitung
Andreas Hasenclever / Alexander De Juan

Abhandlungen

Der Einfluss religiöser Traditionen auf politische Konflikte: Empirische Befunde und theoretische Perspektiven 
Andreas Hasenclever / Alexander De Juan

Vor dem Hintergrund ausgewählter empirischer Studien und theoretischer Arbeiten gehen wir davon aus, dass religiöse Unterschiede selten gewaltsame Konflikte verursachen, aber in vielen Fällen zur Eskalation von säkularen Auseinandersetzungen beitragen. Ebenso selten tragen sie zur Lösung von Konflikten bei, spielen jedoch oftmals eine entscheidende Rolle bei deren Deeskalation. Diese Schlussfolgerungen beruhen auf der im zweiten Teil des Artikels erörterten Annahme, dass politische Eliten in den meisten Konflikten eine Schlüsselposition einnehmen. Sie versuchen, religiöse Traditionen für die Mobilisierung ihrer Anhängerschaft zu instrumentalisieren. Haben sie damit Erfolg, steigt das Risiko einer Eskalation signifi kant an. Unter Bezug auf Scott Applebys Unterscheidung von starken und schwachen Religionen werden schließlich Merkmale religiöser Gemeinschaften diskutiert, die deren Traditionen vor politischer Zweckentfremdung bewahren sowie ihre konstruktive Rolle bei der Konfliktmediation und der Implementierung von Friedensabkommen befördern können.

Das Christentum als Quelle für Konfliktprävention und post-conflict peacebuilding
Andrea Bartoli

Dieser Artikel untersucht die Einflüsse des Christentums auf die Eskalation und Deeskalation von Konflikten, die Formen von christlichem peacebuilding und sein Potenzial, Manipulationen zu widerstehen. Als Faktoren, die eine Eskalation begünstigen, werden (1) die Nähe zur Macht, (2) die Intoleranz gegenüber Andersartigkeit und (3) ausgrenzende eschatologische Anschauungen expliziert. Andererseits stellt der Artikel heraus, dass sich Beiträge des Christentums zur Deeskalation von Konflikten sowohl aus den Prinzipien von Vergebung und Versöhnung ergeben können als auch aus den Lehren, die sich aus seiner umfassenden Erfahrung mit dem Machtumgang, der Behandlung der „Anderen“ und seiner Zukunftsvision ziehen lassen. Die Herausforderung, der das Christentum begegnen muss, um für peacebuilding und Konfliktprävention von Nutzen zu sein, liegt in einem offenen menschlichen Herzen, das – wie an diversen Beispielen verdeutlicht wird – in konkreten historischen Situationen konstruktiv reagieren kann.

Der Einflussverlust von Groß-Ayatollah Ali Sistani im Zeitraum 2006-2007
Juan Cole

Der Artikel erklärt, wie es dem geistlichen Führer der Schiiten im Irak, Groß-Ayatollah Ali Sistani, im Zeitraum 2003-2005 gelang, bei der Gestaltung der politischen Institutionen Iraks eine herausragende und charismatische Rolle einzunehmen, um danach signifi kant an Bedeutung zu verlieren. Es wird davon ausgegangen, dass die drei Jahre nach dem militärischen Sturz der Baath-Partei durch die USA für Sistani ein charismatisches Moment darstellten, während dem ein Machtvakuum ihm erlaubte, die Ereignisse zu überragen. Der untersuchte Einflussverlust Sistanis, der sich nach diesem Zeitraum einstellte, wird mit der Annahme begründet, dass seine charismatische Autorität von eher bürokratischen Mechanismen und politischen Parteien verdrängt wurde, aber auch durch paramilitärische Einheiten, die das staatliche Gewaltmonopol ablehnten.

Ökumenisches Bewusstsein als Erklärungsvariable für das Konfliktverhalten religiöser Akteure: Ein Vergleich der Khudai Khidmatgars und der Hamas
Michael Hörter

Ausgehend vom Begriff des ökumenischen Bewusstseins untersucht der Artikel einen möglichen Zusammenhang zwischen den Denkkategorien religiöser Akteure und deren Konfliktaustrag. Hierfür werden zwei islamische Bewegungen miteinander verglichen, die sich beide in Besatzungssituationen befinden: die paschtunische Khudai Khidmatgars und die palästinensische Hamas. Der Untersuchung liegt die Erwartung zugrunde, dass „universale“ islamische Bewegungen zu gewaltfreiem Konfliktaustrag neigen, während „exklusivistische“ zu gewaltsamen Formen des Konfliktaustrags tendieren. Eine Inhaltsanalyse maßgeblicher Kommunikationsmittel beider Bewegungen sowie eine Darstellung ihres Konfliktaustrags bekräftigen schließlich diese Erwartung. Die Erklärungskraft der hier untersuchten Variable lässt sich allerdings noch nicht zufriedenstellend erfassen, weswegen der Artikel mit einigen Forschungsdesiderata für zukünftige Arbeiten schließt.

Buddhistischer Fundamentalismus – systemtheoretische Skizze eines Paradoxon
Mirjam Weiberg-Salzmann

Religiöse Konzeptionen spielen in Konflikt- und in Friedensprozessen oft eine große Rolle. Meistens bilden Akteure und Institutionen den Analyserahmen, während systemische Operationslogiken außerhalb der Betrachtung bleiben. Anhand des Buddhismus auf Sri Lanka soll das Potenzial des systemischen Zugangs expliziert werden. Konflikte werden ausgelöst, weil die friedensrelevanten Subsysteme Politik und Religion unterschiedlichen Operationslogiken und Zielen folgen. Einmal ausgelöst entwickeln Konflikte die Tendenz, dauerhaft zu werden, da es sich bei ihnen um hoch integrierte Sozialsysteme handelt. In Sri Lanka entsteht ein exklusiver, ethnisch-buddhistischer Nationalstaat, der die Minderheiten ausgrenzt. Unruhen, Pogrome und schließlich ein 25-jähriger Bürgerkrieg sind die Folge. Verschiedene Friedensinitiativen bleiben ergebnislos, weil die Funktionslogiken der beiden Teilsysteme bisher einen Friedensschluss verhinderten, obwohl an verschiedenen Punkten immer wieder ihr „friedliches“ Anknüpfungspotential deutlich wird.

Eine umfassende peacebuilding-Strategie – jüdische Ansätze
Ben Mollov / Ephraim Meir / Chaim Lavie

Basierend auf einem interdisziplinären Ansatz, der auf jüdischen Perspektiven beruht, greift dieser Artikel auf Erkenntnisse aus Politikwissenschaft, jüdischer Philosophie und Sozialpsychologie zurück, um ein anfängliches peacebuilding-Model zu entwerfen. Er geht davon aus, dass (1) realistische und idealistische Ansätze, wie die von Hans J. Morgenthau und Martin Buber, (2) Möglichkeiten einer inklusiven Lesart von heiligen jüdischen Schriften und (3) die Ergebnisse empirischer Forschung im arabisch-israelischen interreligiösen Dialog als multi-dimensionale Herangehensweise dienen können, um den peacebuilding-Prozess von einem jüdischen Blickwinkel aus zu fördern. Hierdurch werden nicht nur die Gefahren der politischen Umwelt und die Möglichkeiten einer Transformation berücksichtigt, sondern auch Erkenntnisse einbezogen, die in etlichen Jahren der empirischen Analyse des interreligiösen Dialogs gewonnen wurden.

Hinduismus und Politik. Die Rolle religiöser Antagonismen in der indischen Geschichte und Politik
Stephan Schlensog

Im ersten Teil des Artikels gibt der Autor einen Überblick über die Interaktion zwischen Religion und Politik auf dem indischen Subkontinent und beschreibt die ambivalente Rolle, die die Religion in der umfangreichen Geschichte Indiens spielte. Im zweiten Teil wird der Fokus auf den Aufstieg der nationalistischen, rechts gerichteten Hindu-Bewegungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts gelegt. Zudem wird ihr Einfluss auf die indische Politik von den Anfängen der Unabhängigkeit bis heute beschrieben. Letztendlich konstatiert der Autor, dass die Macht der militanten hindu-nationalistischen Bewegungen in starkem Maße von der ökonomischen Situation in Indien abhängig ist. Daher stellt sich die entscheidende Frage, ob es gelingt, die wirtschaftliche Entwicklung so zu gestalten, dass Nationalismus und Fundamentalismus auf dem Subkontinent der Nährboden entzogen werden kann.

Interreligiöser Dialog und Friedensarbeit
Thomas Scheffler

Der Beitrag erörtert das Verhältnis von Religionsdialogen und Friedensarbeit am Beispiel von vier Problemfeldern: (1) der Ambivalenz von Dialogen als logozentrischer Kampfform; (2) dem Stellenwert von Meinungsführern beim kurzfristigen Konfliktmanagement; (3) dem Gewicht kulturell etablierter interreligiöser Umgangsformen und den Risiken ihrer Störung; sowie (4) den Erfolgsaussichten von Dialogsaktivitäten in drei verschiedenen Phasen der Friedensarbeit: der Friedenserhaltung vor drohenden Gewaltkonflikten; der Friedensanbahnung in Kriegszeiten; und der Friedensstabilisierung nach Beendigung der militärischen Kampfhandlungen. Es wird argumentiert, dass die friedensbezogenen Erfolgsaussichten von interreligiösen Dialogen in den ersten beiden Phasen bisher weit geringer waren als in der dritten Phase, der Friedensstabilisierung.