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Rezension

Bettina Engels / Corinna Gayer (Hrsg.):
Geschlechterverhältnisse, Frieden und Konflikt. Feministische Denkanstöße für die Friedens- und Konfliktforschung.

von Rita Schaefer


Seit der Verabschiedung der Resolution 1325 des VN-Sicherheitsrats zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ im Oktober 2000 und der Kategorisierung sexualisierter Kriegsgewalt als Kriegsverbrechen im Rom Statut von 1998, das dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zugrunde liegt, ist die Friedens- und Konfliktforschung gefordert, sich mit Gender-Themen zu befassen. Diese internationalen Rechtsgrundlagen haben den Rahmen dafür geschaffen, dass der Erkenntniswert von Gender-Ansätzen nicht länger als marginal oder randständig abgetan werden kann.
Der vorliegende Sammelband bietet einen facettenreichen Einblick in aktuelle Erklärungsansätze, Themen und Methoden. Die insgesamt acht Aufsätze, von denen gleich einige exemplarisch vorgestellt werden, wurden von jungen Friedensforscherinnen verfasst. Ihr Spektrum reicht von der Auseinandersetzung mit Selbstmordattentaten und Kriegsveteranen über Analysen medialer Präsentationen von Kriegen bis hin zu methodischen Refl exionen über Feldforschungen in Konfliktgebieten oder Institutionen. Auch die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Gruppen in Konflikten bzw. Friedensprozessen und unterschiedliche Maßnahmen der Übergangsjustiz werden untersucht.
Die regionalen Fallstudien durchmessen mehrere Kontinente: Es geht von Thailand über Afghanistan und Kenia bis Kroatien. Alle Beiträge arbeiten mit einem differenzierten Gender-Begriff, der keineswegs nur die Beziehungen zwischen Frauen und Männern durchleuchtet, sondern diese auch mit anderen Macht- und Ungleichheitsdimensionen in Beziehung setzt. Hinzu kommt eine detaillierte und kontextspezifische Untersuchung der Differenzen zwischen Frauen und zwischen Männern, etwa zwischen Aktivistinnen in Frauenorganisationen oder zwischen Männern unterschiedlicher Ethnien. In ihrem programmatischen Einleitungsbeitrag erläutern die Herausgeberinnen die Problematik verschiedener Gender- und Feminismusansätze in der Friedens- und Konfl iktforschung; als feministisch bezeichnen sie solche Ansätze, die gesellschaftliche und politische Macht- bzw. Herrschaftsverhältnisse analysieren.
Vor allem junge Friedens- und Konfliktforscher/-innen sind gefordert, empirisch zu arbeiten. Deshalb dürfte die Darlegung methodischer Forschungsprobleme für sie interessant sein. So illustriert Cordula Dittmer, dass in Interviews, die sie und andere junge Soziologinnen in der Bundeswehr durchführten, Macht- und Geschlechterdifferenzen ausgehandelt wurden; insbesondere durch sexistische Anspielungen, Kommentare oder die Akzentuierung überlegener Männlichkeit von Seiten der Soldaten unterschiedlichen Rangs. Soldatinnen hingegen reagierten zurückhaltend bis abweisend auf die Forscherinnen; sie wollten nicht über ihr Geschlecht, sondern über ihre Arbeit und Aufgaben definiert werden. Dittmer weist darauf hin, dass solche Differenzen vor allem von den Einheiten abhingen, in denen die Befragten dienten; etwa im Heer, dort war die Überbetonung von Maskulinität besonders ausgeprägt.
Ruth Streicher, die in Südthailand sowohl Vertreter der dortigen Untergrundgruppe als auch Offiziere der thailändischen Armee interviewte, rät allen Forschenden, sich mit dem Spannungsfeld von Gewalt, Macht und Subjektivität intensiv auseinandersetzen und ihr eigenes Verhalten sowie die Zuschreibungen durch die Interviewpartner zu überdenken. Dies eröffne ein besseres Verständnis für Macht- und Gewaltkontexte, in denen sich Forschende in Gewaltkonflikten bewegen und die ihre besondere Verletzungsoffenheit bzw. Gefährdung ausmachen. Sie plädiert dafür, Gender, also gesellschaftliche Rollenzuschreibungen, in Forschungskontexten als intersektionale Identitätskategorie zu verstehen, die mit anderen Differenzkategorien wie Herkunft, Religion, Sprache, ethnische oder nationale Zugehörigkeit eng verwoben ist. Schließlich wurde ihr als Außenstehender, die nicht einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppe angehörte, mit Argwohn begegnet.
Identitätszuweisungen im Kontext von Distinktion und Gruppenbildungen sind auch ein Thema, das Miriam Schroer-Hippel analysiert. Sie untersucht, wie Kriegsveteranen in Kroatien an Friedensinitiativen mitwirken und welche Männlichkeitsvorstellungen dabei ausschlaggebend sind. Neben dem Aushandeln und Neudefinieren von Täter- und Opferzuschreibungen sowie unterschiedlichen Bewertungen des Krieges sind Rückbezüge auf Patriotismus und die Soldatenrolle für die Männer wichtig. Schroer-Hippel arbeitet die Argumentation der Männer und ihre Variationen des maskulinen Selbstverständnisses heraus. Demnach würden sie sich nun für den Frieden einsetzen, weil sie die Kriegsgräuel erlebt haben und als Bürger einen Beitrag zur friedlichen Entwicklung ihres Landes leisten wollen.
Die Rolle von Frauen als Friedensstifterinnen nimmt Antje Daniel ins Visier. Sie zeichnet die Trendwende im Engagement kenianischer Frauenorganisationen nach. Während der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Folge der Präsidentschaftswahlen Ende 2007 positionierten sich auch die Aktivistinnen zu den konkurrierenden Konfliktparteien und intensivierten die bereits vorhandenen Fragmentierungen zwischen den unterschiedlichen Organisationen. Angesichts des massiven Einsatzes sexualisierter Gewalt gegen Frauen erkannten sie aber bald die Wichtigkeit des gemeinsamen Widerstands gegen diese Ge waltform. Sie setzten sich dafür ein, dass sexualisierte Gewalt in Prozesse der Vergangenheitsaufarbeitung einbezogen wurde, und erarbeiteten Vorschläge zu Rechtsreformen, die in den Verfassungsentwurf 2010 aufgenommen wurden.
Daniel problematisiert die Abhängigkeit der Organisationen von internationalen Entwicklungsgeldern und die Reduzierung der Vernetzungsarbeit auf die Städte. Gleichzeitig bescheinigt sie ihnen die konstruktive Nutzung der Nachkonfliktphase zur Durchsetzung von Rechtsreformen.
Allen Beiträgen gemeinsam sind die differenzierte Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Untersuchungsgegenstand und ein hohes Reflexionsniveau. Deutlich wird, dass Gender-Analysen maßgeblich zur fundierten Untersuchung gewalttätiger Konflikte sowie zum Verständnis von Friedensprozessen und -akteuren beitragen. Diesem gut lesbaren Buch sei eine große Leserschaft
gewünscht.

Dr. Rita Schäfer


Bibliographische Angaben:
Bettina Engels/Corinna Gayer (Hrsg.)
Geschlechterverhältnisse, Frieden und
Konflikt. Feministische Denkanstöße für die
Friedens- und Konfliktforschung
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011
152 S., 24,– €
ISBN 978-3-8329-6672-0
http://www.nomos-shop.de

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