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Rezension

Susanne Buckley-Zistel/Ruth Stanley (eds.): Gender in transitional justice.

Von Dr. Rita Schäfer

 

Die differenzierte Auseinandersetzung mit Gender-Dimensionen bietet Friedens- und Konfliktforscher/-innen einen Zugang, die Strukturprobleme der Übergangsjustiz in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Zur analytischen Tiefenschärfe trägt der neue Sammelband von Susanne Buckley-Zistel und Ruth Stanley bei, die beide am Zentrum für Konfliktforschung der Phillips-Universität Marburg in unterschiedlichen Funktionen lehren und forschen.

Ihr Buch mit insgesamt zehn Aufsätzen ist in vier sinnvoll aufeinander aufbauende Teile gegliedert. Als Vorspann erläutert eine erkenntnisreiche Einleitung konzeptionelle Grundüberlegungen zu den Interdependenzen zwischen Gender-Faktoren und unterschiedlichen Formen der Übergangsjustiz. Während der erste Teil die Strafjustiz unter die Lupe nimmt, fokussiert der zweite auf die Übergangsjustiz und den sozialen Wandel. Darauf aufbauend widmet sich der dritte Teil den Handlungsmöglichkeiten und -grenzen unterschiedlicher Opfergruppen und der vierte erläutert politische Kontexte von Gerechtigkeit und Versöhnung. Aus jedem Teil wird diese Rezension ein besonders markantes Beispiel ausführlicher vorstellen. Die Autorinnen sind Politik- und Rechtswissenschaftlerinnen aus Europa, Australien und Südafrika, die empirische Fallbeispiele untersuchen und daraus grundsätzliche Reflexionen zur Übergangsjustiz ableiten. Regional reichen ihre Fallstudien von Südafrika und Ruanda über Kambodscha und Osttimor bis hin zu Chile und Kolumbien. Historische Akzente erhält das Buch durch die Berücksichtigung themenrelevanter Beispiele aus der NS-Zeit und der DDR/BRD-Geschichte.

Dem gesamten Buch liegt ein umfassendes Gender-Konzept zugrunde, das keineswegs nur Frauen als Opfer von Vergewaltigungen in Kriegen betrachtet, sondern mit Gender als Machtkategorie arbeitet, die mit anderen Differenzphänomenen, mit sozio-ökonomischen Ungleichheiten sowie mit politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen eng verwoben ist. Auch Maskulinität wird als gesellschaftlich geprägtes und zeitlich zu kontextualisierendes Konstrukt verstanden. Männer und Jungen werden als Opfer berücksichtigt und männliche Sexualität wird als relevanter Faktor zur Analyse von Mechanismen der Übergangsjustiz wahrgenommen. Diese Perspektive ist ebenso innovativ wie die Einschätzung, dass Prozesse der Übergangsjustiz und deren Erforschung nicht nur von sexualisierten Gewaltakten als Kriegsstrategie ausgehen sollten, sondern geschlechtsspezifische Gewaltmuster mit Gewalt-, Macht- und Ausbeutungsstrukturen vor, während und nach Kriegen bzw. gewaltsamen Konflikten in Beziehung setzen sollten.

Wie wichtig solch ein umfassender und differenzierter Ansatz ist, illustriert die Juristin Silke Studzinsky am Beispiel der außerordentlichen Kammern an den Gerichten von Kambodscha, dem sogenannten Rote-Khmer-Tribunal. Sie weist nach, wie wichtig es ist, die Zwangsverheiratungen, die das Regime der Roten Khmer während seiner Terrorherrschaft zwischen 1975 und 1979 systematisch durchführte, als Formen der geschlechtsspezifische Gewaltform strafrechtlich aufzuarbeiten. Studzinsky verlangt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer als Opfer dieser Eheschließungen anerkannt werden. Gleichzeitig reflektiert sie über das Problem, dass diese Ehen in Teilen der kambodschanischen Gesellschaft nicht als strukturelles Gewaltproblem während der Khmer-Herrschaft erinnert werden und das Gericht trotz anderslautender internationaler Rechtsgrundlagen diese Gewaltform jahrelang ignorierte. Auch Befragungen von Vergewaltigten waren keineswegs opferorientiert. Dies beeinträchtigte die Arbeit einer kambodschanischen Nichtregierungsorganisation, die sich zur Interessenvertretung der Opfer konstituierte. Nach Einschätzung der Autorin ist es für die umfassende Aufarbeitung des Khmer-Terrors unabdingbar, die Traumata von Individuen sowie die Zerstörung des zuvor kulturell geprägten Ehe-, Familien- und Gesellschaftslebens durch den staatlichen Gewaltapparat strafrechtlich zu verfolgen. Defizite in diesem Kontext haben demnach negative Langzeitfolgen für die Nachkonfliktgesellschaft.

Diese grundsätzliche Einschätzung teilen auch die südafrikanischen Gender- und Rechtsexpertinnen Romi Sigsworth und Nahla Valji, die am Centre for the Study of Violence and Reconciliation in Johannesburg arbeiten und für die UN tätig sind. Sie postulieren, dass die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika Chancen verpasst hat, geschlechtsspezifische Gewaltmuster aufzuarbeiten. Dabei nehmen sie keineswegs nur Anstoß an der selektiven Auswahl der Fälle durch die drei Spezialanhörungen für Frauen. Vielmehr plädieren Sigsworth und Valji dafür, strukturelle Gewaltmuster vor und während einer Terrorherrschaft sowie Gewaltkontinuitäten in Rahmen von „Transitional Justice-Prozessen“ aus einer Gender-Perspektive aufzuarbeiten. Ansonsten würde sexualisierte Gewalt in Nachkonfliktgesellschaften fortgesetzt. Mit der traurigen Bilanz von jährlich über 50.000 offiziell registrierten Vergewaltigungen und daraus resultierenden hohen HIV/AIDS-Raten bietet Südafrika den Beleg für dieses Versagen.

Angelika von Wahl, die internationale Beziehungen am Lafayette College in den USA unterrichtet, kontrastiert die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen am Beispiel des Genozids an den Juden mit der Ermordung bzw. gewaltsamen Verfolgung homosexueller Männer. Die Autorin unterteilt ihren Beitrag in eine Analyse der politischen Rahmenbedingungen, des Identitätsverständnisses und der sozialen Mobilisierung sowie der Reparationsforderungen. So zeigt sie auf, dass deutsche Juden mit jüdischen Organisationen u.a. in den USA in Verbindung traten und Entschädigungsforderungen an die Bundesrepublik Deutschland stellten, die in den 1950er Jahren mit dem neu gegründeten Staat Israel vertraglich geregelt wurden. Die Reparationszahlungen der Adenauer-Regierung reduzierten zwar nicht den fortdauernden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, setzten dennoch politische Zeichen. Demgegenüber wurden Homosexuelle bis 1969 weiter kriminalisiert und strafrechtlich verfolgt, was Männer dieser Opfergruppe davon abhielt, Kompensationen zu beantragen. Erst im Jahr 2000 entschuldigte sich die Bundesregierung offiziell für die Verbrechen des Nazi-Regimes an Homosexuellen. Von Wahl geht auch auf die Auseinandersetzungen bei der Planung eines Mahnmals für verfolgte Homosexuelle in Berlin ein, zumal dabei von jüdischer Seite betont wurde, es habe homosexuelle Nazis gegeben, während lautstarke Feministinnen verlangten, an verfolgte Lesben sollten in gleicher Weise erinnert werden wie an ermordete männliche Homosexuelle. Faktisch waren aber nur wenige Lesben in die Fänge des NS-Regimes geraten.

Auch die an der University of Western Sydney tätige Magdalena Zolkos durchkreuzt die Trennlinien zwischen Opfern und Tätern und widmet sich Spioninnen, die im Auftrag der DDR-Staatsicherheit in westdeutschen Ministerien oder Botschaften im Einsatz waren. Sie waren durch sexuelle Kontakte von Stasioffizieren angeworben worden. Oft handelte es sich um psychisch labile Sekretärinnen, die sich im Nachhinein als Opfer ihrer Partner und des Systems inszenierten. In späteren Selbstdarstellungen wiesen sie ihre eigene Verantwortung für den Missbrauch ihres Zugang zu vertraulichen Dokumenten von sich.

Insgesamt zeichnet sich der Sammelband dadurch aus, dass er viele unterschiedliche Zugänge zu den problematischen Dimensionen der Übergangsjustiz eröffnet. Er durchleuchtet Grauzonen, die bei den oft oberflächlichen Beurteilungen von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen oder von Strafgerichten entstehen. Sie bilden die Masse der in den letzten Jahren veröffentlichten themenrelevanten Literatur, aus denen dieses Buch wegen seines hohen Reflexionsniveaus herausragt. Durch ihre differenzierte und begründete Kritik an gängigen Prozessen zeigen Autorinnen und Herausgeberinnen auf, wie wichtig es für eine umfassende Aufarbeitung von Gräueln und die politischen oder sozialen Neuorientierungen von Nachkriegsgesellschaften ist, Geschlechterfragen im umfassenden Sinn systematisch zu berücksichtigen. Wünschenswert wäre es, wenn insbesondere junge Wissenschaftler ermutigt würden, sich stärker als bislang mit diesem Analyseansatz zu befassen.

Rita Schäfer

[PDF]


Bibliographische Angaben:
Susanne Buckley-Zistel / Ruth Stanley (Eds.):
Gender in transitional justice
Macmillan Publishers 2012
ISBN 978-0-2 0-24622-5
293 S., $ 85.00
www.us.macmillan.com


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