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Rezension

Fionnuala Ní Aoláin / Diana Francesca Haynes / Naomi Cahn:
On the frontlines. Gender, war and the post-conflict process
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von Rita Schäfer

In den letzten Jahren stieg die Zahl der Publikationen zu Frauen, Kriegen und Friedensprozessen. Vor allem US-amerikanische Autorinnen haben Einführungsbücher, Sammelbände und Überblickswerke vorgelegt. Sie nutzten das zehnjährige Jubiläum der Verabschiedung der UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit im Jahr 2010 als Bezugspunkt, um die Probleme von Frauen in Kriegen zu dokumentieren und ihre mangelnde Mitwirkung in Friedensprozessen zu kritisieren. Das nun erschienene Buch „On the frontlines“ geht in mehrfacher Hinsicht über diesen Ansatz hinaus. Die Autorinnen Fionnuala Ní Aoláin, Diana Francesca Haynes und Naomi Cahn sind Rechtswissenschaftlerinnen, die sich seit vielen Jahren mit schweren Menschenrechtsverletzungen sowie juristischen Fragen zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen befassen und dabei Gender-Dimensionen systematisch berücksichtigen. Ihre regionale Expertise liegt in Südosteuropa, Nordirland und im südlichen Afrika.

Sie haben ihr Buch in drei Teile und insgesamt elf Kapitel unterteilt, wobei der erste Teil Konfliktdynamiken, der zweite Friedensprozesse und der dritte Teil Probleme des Wiederaufbaus analysiert. Mit insgesamt sieben Kapiteln ist der zweite Teil der umfangreichste, auch die inhaltliche Analyse ist hier besonders verdichtet.

Der erste Teil erklärt die Bedeutung von Gender in Konflikten; hier ist es für Leser/-innen, die sich noch nicht mit dem Thema befasst haben, und für Experten/-innen auf dem Gebiet besonders interessant, dass Geschlechterverhältnisse sowohl im Kontext politischer Strukturen und gesellschaftlicher Dynamiken erklärt werden als auch im Zusammenhang mit den Rechtssystemen und der Rechtspraxis vor Kriegen. Die Autorinnen betonen, wie wichtig es ist, geschlechtsspezifische Ungleichheiten im öffentlichen und privaten Leben, in Wirtschaft und Politik zu beachten. Sie erläutern die rechtliche Diskriminierung von Frauen und die Auswirkungen sozialer Spaltungen auf Männlichkeitszuschreibungen lange vor einem eigentlichen Kriegbeginn. Ausdrücklich beschränken sie sich nicht auf die Beschreibung der Problemlage von Frauen, sondern erklären auch, wie Männlichkeit durch politische, wirtschaftliche und rechtliche Vorgaben sowie die eskalierende Militarisierung von Gesellschaften geprägt wird. Das verbreitete Bild passiver weiblicher Opfer wird revidiert, indem die Autorinnen die Einbeziehung von Mädchen und jungen Frauen in militärische Einheiten berücksichtigen und auf unterschiedliche Kriegserfahrungen von Frauen hinweisen.

Der zweite Teil setzt sich detailliert mit Sicherheitsproblemen, der mangelnden Einbeziehung von Geschlechterfragen in internationale Friedensmissionen und in der Friedenssicherung auseinander; auch Entwaffnungsprogramme und Probleme der Übergangsjustiz kommen zur Sprache. Zunächst erörtern die Autorinnen die Relevanz von Gender in Sicherheitskonzepten, die Sicherheitssektorreformen zugrunde liegen. Sie kritisieren, dass Gewaltbedrohungen von Frauen in der Privatsphäre weitgehend unbeachtet bleiben, was auf die mangelnde Aufarbeitung der Gewaltmuster zurückzuführen sei, die männliche Ex-Kämpfer und demobilisierte Soldaten aus den Kriegen mitbringen. Hier kommt auch die Rolle internationaler Akteure beispielsweise in Friedensmissionen zur Sprache, zumal deren sexuelle Übergriffe auf Mädchen der lokalen Bevölkerung ein zusätzliches Sicherheitsproblem darstellen.

Um dies zu verhindern, verlassen die Autorinnen ihre wissenschaftlich analytische Betrachtungsebene und geben ganz praktische Empfehlungen, etwa die Durchsetzung einer Rechenschaftspflicht, die verbesserte strafrechtliche Verfolgung der Missbrauchfälle und Gender-Trainings, an denen männliche Trainer mitwirken. Die militärische Kultur, die Blauhelmsoldaten aus ihren Herkunftsländern mitbringen und die ihre Friedenseinsätze prägt, werde nur unzureichend aufgearbeitet. Deshalb sind die Autorinnen skeptisch gegenüber Gender-Mainstreaming Vorgaben, zumal diese sich oft auf die Stellenbesetzungen mit einzelnen Frauen beschränken. Diesen gelinge es oft nicht einmal, Mädchen und Frauen, die in Kriegen gekämpft haben, in Entwaffnungs- und Demobilisierungsprogramme einzubeziehen. Auch die Notwendigkeit, kriegsgeprägte Maskulinität in solchen Programmen aufzuarbeiten, werde von den Gender-Verantwortlichen und deren Vorgesetzten zumeist nicht erkannt.

Im dritten Teil widmen sich die Autorinnen dem Wiederaufbau von Staatlichkeit. Sie bemängeln, dass die internationale Staatengemeinschaft und die politisch Verantwortlichen in vielen Nachkriegsländern Demokratisierungsbestrebungen auf die Durchführung von Wahlen reduzieren. Die Autorinnen verlangen, dass Parteien und Parlamente sowie Ministerien Geschlechtergerechtigkeit in ihrer Personalauswahl und in der inhaltlichen Arbeit beachten. Schließlich sei die konzeptionelle Ausrichtung der Politik auf Geschlechtergerechtigkeit ein wichtiger Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit und zur mittel- und langfristigen Befriedung. Außerdem mahnen die Autorinnen Rechtsreformen an, nur so könnten Interpretationen des vielerorts diskriminierenden traditionellen Rechts verhindert werden. Solche Reformprozesse müssten in Friedensverträgen und bei der Ausarbeitung neuer Verfassungen begonnen und kontinuierlich in Nachkriegsgesellschaften fortgesetzt werden. Das verlangt den politischen Willen der neuen Machthaber und den Druck internationaler Geber. Hier bringen die Autorinnen die in der Entwicklungszusammenarbeit propagierte gute Regierungsführung ins Spiel, dazu zählen sie die Umsetzung von Frauenrechten und Gesetzesreformen. Zudem seien gezielte Bildungs- und Gesundheitsprogramme notwendig, denn Verbesserungen in diesen Bereichen gelten als Frieden stabilisierend.

Insgesamt bietet dieses Buch viele interessante Impulse zur Reflexion über Gender in Kriegen und Nachkriegsgesellschaften. Den Autorinnen gelingt es, Forschungsergebnisse und politische Forderungen differenziert und analytisch durchdacht vorzustellen. Das ansprechend geschriebene Buch dürfte insbesondere für Studierende und für Berater/-innen in der Friedensarbeit erkenntnisreich sein.

Rita Schäfer

Fionnuala Ní Aoláin / Diana Francesca Haynes / Naomi Cahn: On the frontlines. Gender, war and the post-conflict process, Oxford: Oxford University Press 2012. ISBN 978-0-19-539665-2. 358 Seiten. $ 29.95. www.oup.com