Drucken

Rezension

Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung / Bert Preiss (Hrsg.):
Zeitenwende im arabischen Raum. Welche Antwort findet Europa?


von Dr. Tina Roeder

Auf den ersten Blick sind die Beiträge des Sammelbands zum „Arabischen Frühling“ und seiner europäischen Rezeption aus wissenschaftlicher Sicht von unterschiedlicher Qualität, bzw. von unterschiedlichem wissenschaftlichem Nutzen. Dies beruht hauptsächlich auf der Konzeption der Internationalen Sommerakademie 2011 in Schlaining, die den Hintergrund des Bandes bildet und die traditionell nicht auf Wissenschaftler beschränkt ist, sondern auch Journalisten, Aktivisten verschiedener NGOs und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ein Forum bietet. Entsprechend stehen neben eindeutig wissenschaftlichen Beiträgen wie etwa dem von Jasmin Khalifa auch solche mit eher politisch-aktivistischer Ausrichtung (z.B. Fritz Edlinger). Auf den zweiten Blick entspricht aber gerade diese Mischung am ehesten der selbst gewählten Richtung, nämlich der Suche nach europäischen Antworten auf die Ereignisse des „Arabischen Frühlings“. Diese Suche kann naturgemäß nicht allein auf Wissenschaftler beschränkt sein, selbst, wenn sie aus unterschiedlichen Disziplinen stammen (Rechts- und Politikwissenschaften, überwiegend Friedensforschung).

Der Sammelband ist in insgesamt fünf Teile untergliedert, die verschiedene Facetten des „Arabischen Frühlings“, der dahinterstehenden regionalen Probleme und der Auswirkungen, vor allem auf Europa, widerspiegeln.  Bei den arabischen Ländern liegt der Schwerpunkt dabei auf Ägypten. Teil I befasst sich mit den politischen Entwicklungen vor Ort; Teil II und III greifen wichtige Einzelaspekte auf, zum einen die Frage nach der Rolle des Islamismus, zum anderen die Geschlechterproblematik. Teil IV schlägt die Brücke nach Europa und beleuchtet Fragen der Migrations- und Wirtschaftpolitik, während Teil V den Bogen noch weiter spannt, indem weitere Regionen miteinbezogen werden. Der Band schließt mit photographischen Impressionen aus Ägypten und Libyen und der Predigt des im Zusammenhang mit der Akademie abgehaltenen Friedensgottesdienstes. Im Folgenden sollen drei Einzelbeiträge aus unterschiedlichen Bereichen exemplarisch betrachtet werden, um Stärken und Schwächen des Bandes zu verdeutlichen.

Adham Hamed, Julia Huber, Hannes Naderer und Elena Zepharovich legen sich in Teil I die Frage vor, ob die Revolution in Ägypten angesichts der vielfältigen Interessengruppen in der Bevölkerung zu dauerhaften Veränderungen führen kann. Der Beitrag ist das Ergebnis eines Studierendenprojekts verschiedener Fakultäten der Universität Wien. Seine Zielsetzung ist anspruchsvoll, vielleicht zu anspruchsvoll: die Qualität schwankt, stilistisch wie inhaltlich, was vielleicht auch der Mitarbeit von insgesamt vier (!) Autoren geschuldet ist. Während der Beitrag mit einer sehr nützlichen, wenn auch knappen Darstellung der ägyptischen Vorläuferbewegungen beginnt und Verbindungen zu den Ereignissen im Januar/Februar 2011 deutlich macht, gelingt es ihm nicht, die zentrale Frage zu beantworten, weshalb 2011 ein derart breiter Konsens in Ägypten möglich war – und zuvor nicht. Entsprechend kann der Beitrag auch im Folgenden keine substantiellen Prognosen darüber abgeben, inwiefern das postrevolutionäre (soweit die Bezeichnung überhaupt zutrifft) Aufsplittern dieses Konsenses dauerhafte Veränderungen verhindern wird, obwohl er durchaus wichtige Faktoren und Bruchlinien im ägyptischen Interessengefüge aufzeigt.

In Teil II betrachtet Christine Schirrmacher die Rolle des Islamismus bei der arabischen Revolution in einer „Momentaufnahme“. Sie erläutert zunächst Grundlagen, bezeichnet dann wirtschaftliche, demographische und andere Besonderheiten der arabischen Welt und wagt anschließend, nach Ländern differenziert, vorsichtige Einschätzungen der zukünftigen Demokratiefähigkeit. Der Beitrag ist gut fundiert, krankt aber, vielleicht im Interesse der Lesbarkeit, immer wieder an einer Neigung zu pauschalen Ungenauigkeiten. Er zeigt darüber hinaus, dass in Europa auch angesichts des „Arabischen Frühlings“ vielfach weiter an alten Denkmustern festgehalten wird, denn er fragt nicht nach der Rolle des Islams beim ägyptischen Umsturz, sondern allein nach dem politischen Islamismus. Das ist umso bedauerlicher, als die Autorin eingangs selbst feststellt, dass der Islam – die Religion, nicht ihre politischen Verästelungen – „prägender Faktor“ der arabischen (vielleicht richtiger: muslimischen) Gesellschaften ist.

In Teil III beleuchtet Soumaya Ibrahim Huber die Rolle der ägyptischen Frau und deren Veränderung durch die Entstehung von Nichtregierungsorganisationen. Die Ausführungen zum Geschlechterverhältnis in Ägypten sind interessant und gut lesbar, erliegen auch nicht der Versuchung einseitiger Schwarz-Weiß-Malerei. Dass ein Umfang von nur zehn Seiten für dieses vielschichtige Thema aber zu gering ist, zeigen vor allem die viel zu knappen Ausführungen zu zwei hochumstrittenen religiösen Fundstellen aus Koran und Sunna, mit denen (neben weiteren) in muslimischen Gesellschaften traditionell die männliche Überlegenheit begründet wird. Einige wenige Absätze reichen hier entschieden nicht aus, um nichtmuslimischen Lesern die Probleme auch nur ansatzweise zu verdeutlichen. So entsteht Vereinfachung, gerade dort, wo es wichtig wäre, Vielschichtigkeit aufzuzeigen.

Aus den Beispielen wird zum einen deutlich, dass die einzelnen Texte des Sammelbandes, auf ganz unterschiedliche Weise, durchweg interessante Aspekte enthalten und insofern einen nützlichen Beitrag zu den politischen, juristischen und gesellschaftlichen Diskussionen um den „Arabischen Frühling“ in Europa leisten. Hieran ändert auch die insgesamt wechselhafte Qualität nichts. Zum anderen zeigt sich aber auch, dass die Zeit für eine Suche nach europäischen Antworten auf die „Arabellion“ noch längst nicht gekommen ist. Insofern hätte der Untertitel des Bandes treffender lauten müssen: Welche Fragen stellt sich Europa? Dies wäre sowohl der gegenwärtigen Situation als auch den Beiträgen selbst angemessener gewesen. Eine einzige europäische „Antwort“, wie der Untertitel suggeriert, wird sich ohnehin nicht finden lassen. Auch das machen die Beiträge des Sammelbands klar.

Tina Roeder

Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung / Bert Preiss (Hrsg.): Zeitenwende im arabischen Raum. Welche Antwort findet Europa?, LIT-Verlag 2012, 333 Seiten, EUR 9,80, ISBN 978-3643503626, www.lit-verlag.de