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Rezension

Judy Smith-Höhn:
Rebuilding the security sector in post-conflict societies


von Rita Schäfer

Sicherheitssektorreformen sind ein wichtiges Thema aktueller Forschungen über Nachkriegsgesellschaften. Dies ist einerseits durch die politisch bedeutende internationale finanzielle Förderung zum Wideraufbau des staatlichen Sicherheitssektors und andererseits durch den verstärkten Einfluss privater Sicherheitsfirmen bedingt, deren Dienste beispielsweise auch von internationalen Organisationen in Anspruch genommen werden. Vor allem junge Forscher/-innen widmen sich den damit verbundenen Herausforderungen und Problemen. Zwar machen sich einige die Mühe, durch empirische Studien vor Ort die lokalspezifischen Kontexte zu ergründen, allerdings haben die meisten nicht die Möglichkeit, vergleichend zu analysieren.

Dieses Desiderat füllt die differenzierte Untersuchung von Judith Smith-Höhn aus, die 2005 und 2006 mehrere Monate in Liberia und in Sierra Leone forschte. Sie kooperierte vor allem mit dem Centre for Security and Development Analysis in Freetown; Kooperationspartner in Europa waren das Geneva Centre for the Democratic Control of Armed Forces (DCAF) in Genf und das German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg. So konnte die Politikwissenschaftlerin ihre Arbeit auch in internationale Forschungszusammenhänge einbinden.

Die Publikation ist in fünf Teile gegliedert; neben einer ansprechenden Einführung und einem prägnanten Schlussteil werden Sicherheitsdefinitionen und -theorien sowie die vor Ort angewandten Methoden erläutert. Der umfangreichste Teil beinhaltet die ausführliche Darstellung der Fallstudien sowie die Auswertung und der Vergleich der länderspezifischen Ergebnisse. Für junge Forscher und Studierende dürfte auch der Anhang von großem Interesse sein, zumal die Autorin darin ihre Fragebögen, Richtlinien für Gruppendiskussionen und sehr umfangreichen Datenanalysen dokumentiert.

Die unterschiedlichen Betrachtungsebenen zeugen von einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Gewalt- und Sicherheitsproblemen sowie den komplexen gesellschaftlichen Strukturen in den zwei westafrikanischen Nachkriegsländern. Bei den detaillierten Angaben zu Gewalt- und Sicherheitsakteuren bzw. Akteursgruppen in Sierra Leone wird deutlich, wie vorteilhaft es ist, mit lokalen Forschern/-innen zu kooperieren, die lokalspezifische Besonderheiten kennen. So tauchen in der Liste von Personengruppen, die die persönliche Sicherheit bedrohen, neben bewaffneten Ex-Kämpfern und demobilisierten Soldaten kriminelle Banden, parteinahe Gewaltakteure, Polizisten, Landdiebe, gewaltbereite Jugendliche, Mitglieder von Geheimbünden, Hexen, Nachbarn, Verwandte und eigene Familienmitglieder auf. Folglich wird Sicherheit als umfassendes Problem verstanden, das sich keineswegs auf den öffentlichen Raum beschränkt, sondern weitere Lebensbereiche beeinflusst.

Zur Beantwortung der grundlegenden Frage, wer bzw. welche Personengruppen, Organisationen oder Institutionen Sicherheit bieten, zeigt die Autorin anhand ihrer empirischen Daten auf, dass die Befragten in Sierra Leone und Liberia hohe Erwartungen an den Staat als Garant von Sicherheit haben, die dieser jedoch vielfach nicht erfüllt. Verschiedene nicht-staatliche Akteure füllen die Lücken, dazu zählen ausländische Friedenskräfte, lokale Vereinigungen zur Selbstverteidigung, Jugendgruppen und eigene Verwandte. Umso wichtiger ist es laut Einschätzung von Judy Smith-Höhn, zivilgesellschaftliche Kräfte viel stärker in Sicherheitssektorreformen einzubeziehen und das lokale „ownership“ zu stärken. Die Autorin weist darauf hin, dass Vereinnahmungen durch die jeweiligen Regierungen vermieden werden sollten, und fordert zur differenzierten Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, Interaktionen und Prozessen vor Ort auf. Wie dies gelingen kann, zeigt sie eindrücklich am Beispiel von Sierra Leone und Liberia. Das gut lesbare Buch ist allen zu empfehlen, die sich mit Sicherheitsfragen in afrikanischen Nachkriegsgesellschaften befassen.

Rita Schäfer

Judy Smith-Höhn:
Rebuilding the security sector in post-conflict societies, Perceptions from urban Liberia and Sierra Leone,
Geneva Centre for the Democratic Control of Armed Forces (DCAF),
Zürich-Münster-Berlin: Lit-Verlag 2010. ISBN 978-3-643-80074-9. 225 Seiten. 29,90 Euro.

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