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Rezension

Martin Arnold:

Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt.
Gütekraft – Hildegard Goss-Mayrs christliche Gewaltfreiheit.
Gütekraft – Gandhis Satyagraha.
Gütekraft – Bart de Ligts humanistische Geestelijke Weerbaarheid.


Von Prof. Dr. Werner Ruf

Mit einer herausragenden friedenswissenschaftlichen Forschungsleistung fokussiert Dr. Martin Arnold den Kern von Möglichkeiten zur Erfüllung der vielfältigen Forderungen nach Überwindung von Gewalt und Krieg und nach Sicherung des Friedens. Der Titel Gütekraft mag auf den ersten Blick irritierend wirken, handelt es sich doch bei diesem Wort um einen bisher in der Friedensforschung kaum eingeführten Begriff. Arnold hat unter diesem neuen Leitbegriff wissenschaftlich fundiert, wissenschaftstheoretisch reflektiert und empirisch bis ins Detail mit großer Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet. Diese skrupulöse Gründlichkeit hat sich gelohnt.

Mit seiner Arbeit, die auf umfangreichen Recherchen beruht, macht Arnold auf eine wichtige und bisher viel zu wenig beachtete Dimension in der Suche nach Frieden aufmerksam: Gewaltlosigkeit – positiv ausgedrückt: Gütekraft – als Mittel im Kampf für eine – innergesellschaftlich wie international – friedlichere und in letzter Perspektive gewaltfreie Welt.

Zu diesem Zweck hat Arnold das Œuvre und die Praxis zentraler Repräsentanten der Gewaltlosigkeit untersucht und dafür die erfolgreich angewandten Konzepte dreier weltanschaulich sehr verschieden geprägter ProtagonistInnen ausgewählt. Es sind die Konzepte des Hindus Mohandas K. Gandhi (genannt Mahatma), der Christin Hildegard Goss-Mayr und des Freidenkers Bart de Ligt. In Kleinstarbeit hat Arnold u. a. das reichhaltige Arsenal gewaltfreier Methoden und Aktionsformen ausgebreitet, das die behandelten Autoren in der politischen Praxis entwickelt haben.

Alle drei Analysen bieten gegenüber der bisherigen Forschung deutliche Neuerungen. Dies gilt insbesondere für die in der Literatur weniger diskutierten Konzepte von Goss-Mayr und de Ligt. Der Teil über Gandhis Konzept enthält viele neue Einzelinterpretationen. Darüber hinaus ermöglicht er für den westlich geprägten internationalen Diskurs einen einfacheren Zugang zum Verstehen der Streitkunst des Inders durch einen in der Gandhi-Forschung neuen Ansatz beim Seele-Begriff. Die drei Darstellungen bieten gut aufgearbeitet produktive Analysen der jeweiligen Konzeption, denen es auch an historischer Einbettung nicht fehlt.

Arnold verdichtet den neuen Begriff der Gütekraft zu einer fundierten These. Dafür nutzt er Ergebnisse, Methoden und Theorien verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und führt die drei Zwischenergebnisse von Gandhi, Goss-Mayr und de Ligt zu einem idealtypischen Modell der Wirkungsweise gütekräftigen Handelns zusammen. Damit entwickelt er die Basis für eine von spezifischen weltanschaulichen oder religiösen Vorannahmen unabhängige Methode, mit deren Hilfe gewaltfrei nicht nur Konflikte gelöst, sondern allgemeiner: Missstände abgebaut werden können.

Gütekraft erscheint erstens als Interaktionsmuster zwischen mindestens zwei Personen oder Kollektiven. Ihre Wirkung wird von außen erkennbar (darum zuerst genannt), wo sich Handlungen von Menschen, die für Missstände mitverantwortlich sind, dahingehend ändern, dass sie zur Verwirklichung von mehr Freiheit, Gerechtigkeit oder Menschlichkeit beitragen.

Solche Änderungen im Handeln anderer werden wahrscheinlich, wo Einzelpersonen oder Kollektive – zweitens – Gütekraft als Handlungskonzept anwenden. Dies ist umso wirkungsvoller, je mehr die Handelnden erkennen lassen, dass sie auch beim Gegenüber (selbst gegen den Augenschein) eine Verständigungsbereitschaft voraussetzen, die ihrer eigenen entspricht. Dieses Gütekraft-Konzept basiert auf der dauerhaften Entschiedenheit, auf wohlwollende, wahrhaftige und gerechte Weise zum Leben in Fülle für alle beizutragen.

Drittens erscheint Gütekraft als Potenz aller Menschen: „Das Konzept beruht auf der Annahme, dass in jedem Menschen eine Kraft angelegt, ansprechbar und abrufbar ist. In Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen wird diese Kraft Vernunft, Gewissen und Geist der Geschwisterlichkeit genannt. … Die Gütekraft-Potenz können wir entdecken, verwirklichen und wir können auf sie – ohne Erfolgsgarantie, aber mit guten Gründen – vertrauen.“ (S. 200 f. im Band „Wirkungsmodell“)

Arnold zeigt die Wirkungsweise dieser Kraft auf sechs Stufen nach dem Schwierigkeitsgrad von Missständen – bis hin zur Frage, wodurch die Herrschaft unzugänglicher Diktatoren beendet werden kann. Allgemein wirkt gütekräftiges Vorgehen als Empowerment und Reframing: Die Kraft, Probleme in einem neuen Rahmen zu sehen, macht neue Lösungen möglich. Arnold erarbeitet als anthropologische Grundlagen und Voraussetzungen gütekräftigen Vorgehens die Umorientierung vom naiven, unrealistischen, egozentrischen Selbstbild hin zum beziehungszentrischen Selbstbild, das mit Bestätigung, Relationierung und Relativierung des Eigenen verbunden ist.

Indem Arnold wichtige Grundlagen für Zivile Konfliktbearbeitung kreativ und innovativ auf den Begriff bringt, bietet er auch Praktikern wichtige Einsichten. Diese können sowohl zur theoretischen Untermauerung als auch zur Evaluation und Weiterentwicklung in vielen Praxisbereichen genutzt werden.

Dass gewaltfreie Vorgehensweisen auch weltpolitisch von höchster Relevanz sind, haben nicht nur die „Rosenkranz-Revolution“ der Philippinen 1986 und weitere ähnliche Umwälzungen seither, sondern augenfällig die Ereignisse des Jahres 2011 im arabischen Raum gezeigt.

Arnolds Arbeit bringt die Grundlagenforschung zu Friedensursachen einen wesentlichen Schritt voran und ist geeignet, der Friedensforschung eine neue – und angesichts der Debatten über eine „responsibility to protect“ – dringend notwendige und innovative Ebene der Analyse und der Praxis friedenspolitischen Handelns hinzuzufügen.

Prof. Dr. Werner Ruf

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Bibliographische Angaben:

Martin Arnold (2011):
Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt.
Nomos-Verlag, Baden-Baden.
Reihe Religion – Konflikt – Frieden: 4.
284 Seiten. ISBN 978-3-8329-6975-2. 19,00 €.

Martin Arnold (2011):
Gütekraft – Hildegard Goss-Mayrs christliche Gewaltfreiheit.
Verlag Bücken & Sulzer, Overath.
148 Seiten. ISBN 978-3-936405-65-1. 12,50 €.

Martin Arnold (2011):
Gütekraft – Gandhis Satyagraha.

Verlag Bücken & Sulzer, Overath.
408 Seiten. ISBN 978-3-936405-66-8. 24,80 €.

Martin Arnold (2011):
Gütekraft – Bart de Ligts humanistische Geestelijke Weerbaarheid
.
Verlag Bücken & Sulzer, Overath.
325 Seiten. ISBN 978-3-936405-67-5. 17,50 €.



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