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Rezension

Reinhard Wesel: Internationale Regime und Organisationen

Von Dr. Helmut Volger

Seit Mitte der 90er Jahre gab es, nachdem bis dahin nur eine kleine Zahl von Büchern zu den Vereinten Nationen veröffentlicht worden war, eine größere Zahl deutschsprachiger Buchveröffentlichungen zu diesem Thema, die im neuen Millennium weiter zunahm. Damit reagierten UN-Forscher und Verlage auf das gestiegene Interesse an UN-Themen, ausgelöst z. B. durch die UN-Weltkonferenz zu Umweltfragen in Rio 1992 und den UN-Millenniumsgipfel 2000 mit seinen Millenniumsentwicklungszielen.

Die Mehrzahl der Buchpublikationen sind Monographien, die sich mit einzelnen Aspekten der Arbeit der UNO beschäftigen. Damit der Leser sich über die Einzelaspekte hinaus mit den Grundlagen und Funktionsweisen der Vereinten Nationen befassen kann, sind außerdem Überblickswerke nötig, welche die komplexen Institutionen und Prozesse verständlich darstellen. Zu dieser wichtigen Gruppe von Büchern ist ohne Zweifel Reinhard Wesels neues Buch „Internationale Regime und Organisationen“ zu zählen, das 2012 erschienen ist.

Wesel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Magdeburg, analysiert in seinem Buch die vorhandenen Regime in der internationalen Politik und die Rolle der Vereinten Nationen in diesem Kontext, das heißt, er verbindet die Darstellung der Institutionen der Vereinten Nationen, ihrer rechtlichen Grundlagen und Kompetenzen mit der Analyse der (noch) nicht institutionalisierten, informelleren Formen der internationalen Kooperation und stützt sich dabei auf das Konzept der internationalen Regime, das vor allem John Ruggie und Robert Keohane in den 70er und 80er Jahren in die wissenschaftliche Debatte in den USA über internationale Beziehungen eingeführt haben und das dann in den 90er Jahren, unter anderem von Volker Rittberger und Michael Zürn, in den politikwissenschaftlichen Diskurs in Deutschland übernommen wurde. Internationale Regime umfassen mehr Formen der internationalen Zusammenarbeit als nur jene im Rahmen von internationalen zwischenstaatlichen Organisationen. Sie beinhalten die Muster formeller und informeller Formen der internationalen Zusammenarbeit in einem Problemfeld, z. B. dem Umweltschutz, die durch Prinzipien, Normen, Regeln und Prozeduren gekennzeichnet sind und – oft (noch) ohne dauerhafte völkerrechtliche Verbindlichkeit – für einen mittelfristigen Zeitraum die Koordination und Kooperation zwischen den Akteuren in den internationalen Beziehungen regeln.

Nach einem einführenden Kapitel über die Entwicklung und die aktuellen Probleme internationaler Organisationen und Regime (S. 7–19) sowie einem Kapitel über die Theorien zur internationalen Politik (S. 21–47) stellt Wesel im dritten Kapitel (S. 49–84) die regimetheoretische Debatte, die verschiedenen Begriffsdefinitionen und die unterschiedlichen Ansätze in der Regimeanalyse vor, entwickelt daraus aber keine eigene Regimedefinition, was für die Leser zweifellos hilfreich gewesen wäre. Wesel fasst stattdessen die Merkmale und Eigenschaften von internationalen Regimen in einer Tabelle zusammen (S. 74), aus der die Vielfalt der Regime, was die Breite des Aufgabengebiets, die Rechtsgrundlage, die Stabilität und die Effektivität betrifft, deutlich wird.

Internationale Regime und internationale Organisationen dienen beide der Regelung der internationalen Beziehungen, ihre Abgrenzung „ist theoretisch wie praktisch schwierig.“ (S. 77). Im Vergleich zu internationalen Organisationen sind internationale Regime „flexibler und dynamischer“, „eher Prozess als Struktur“, „funktionieren auf mehr politischen und gesellschaftlichen Ebenen als Organisationen“, sie sind „anders als internationale Organisationen keine eigenständigen Akteure“ (S. 77).

Internationale Regime und Organisationen arbeiten bei der Regelung eines Aufgabenfeldes oft zusammen – z.B. in der Abrüstung. Aus „erfolgreichen Regimen können ... eigenständige internationale Organisationen entstehen“ (S. 78), so z. B. 1995 die Welthandelsorganisation WTO aus dem Freihandelsregime auf der Basis des GATT-Abkommens.

Im vierten Kapitel (S. 85–187) skizziert Wesel einleitend die Merkmale internationaler Organisationen sowie die Geschichte ihrer Entstehung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, um sich dann – nach einem Exkurs zu der Vorläuferorganisation Völkerbund – ausführlich den Vereinten Nationen zuzuwenden. Er stellt in einer kritischen Analyse der Funktionen und Kompetenzen, Stärken und Schwächen die Haupt- und Nebenorgane der UNO und ihre Sonderorganisationen vor und analysiert grundlegende Probleme der Verwaltung und Finanzierung (S. 167–173) sowie charakteristische Arbeitsweisen und Methoden der Vereinten Nationen (S. 173–187), so z. B. Prozesse der Gruppenbildung, Verhandlungsstile und Konsensbildung sowie die Rolle der Zivilgesellschaft.

Bei der Erörterung der Strukturen und Arbeitsweisen der Vereinten Nationen beindruckt Wesel durch Anschaulichkeit der Darstellung, Klarheit des sprachlichen Ausdrucks und Realismus in der Analyse.

Im abschließenden fünften Kapitel (S. 189–282) analysiert Wesel das Zusammenwirken der Vereinten Nationen mit den internationalen Regimen in der Friedenssicherung, im Menschenrechtsschutz, in der Weltwirtschaft und im Umweltschutz. Auch hier beeindruckt die Vielfalt der Informationen über die Sachprobleme, denen sich die Regime und Organisationen widmen, sowie die Verknüpfung mit den politischen Interessen der vielfältigen Akteure und den strukturellen Problemen der Vereinten Nationen.

So kann der Leser Wesels Fazit nachvollziehen, das sich auf den Klimaschutz bezieht, sich aber sinngemäß auf die gesamte Arbeit der internationalen Organisationen und Regime anwenden lässt: „Multilaterale Kooperation bleibt ein äußerst mühsames Geschäft“, es geht um „bescheidene und kleine Fortschritte ..., bei denen jedoch alle, auch die Vielzahl der wirtschaftlich schwächeren Staaten, dabei sind.“ (S. 282)

Mit seinem Buch ist es Reinhard Wesel gelungen, die unverzichtbare, mühsame Suche nach tragfähigen globalen Lösungen in den Vereinten Nationen und den sie ergänzenden internationalen Regimen für den Leser verständlich zu machen. Dazu tragen auch die vielen Schaubilder und Tabellen bei. Literaturhinweise am Ende des jeweiligen Unterkapitels, die auf das ausführliche Literaturverzeichnis am Schluss des Buches verweisen, erleichtern dem Leser eigene Studien.

Wesels Buch ist allen zu empfehlen, die sich in Politik, Forschung und Journalismus mit internationalen Organisationen befassen.

Dr. Hemut Volger

[PDF]


Bibliographische Angaben:

Reinhard Wesel:
Internationale Regime und Organisationen
UTB-Band 8513
Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH/München: UVK/Lucius 2012
296 S., 24,99 €
ISBN 978-3-8252-8513-5

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