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Geschichte

Die Friedens-Warte feierte bereits im Jahr 1999 ihr einhundertjähriges Jubiläum und gilt somit als älteste Zeitschrift für friedensrelevante Fragen im deutschsprachigen Raum. Seit ihrer Gründungszeit entwickelte sie sich von einem Informationsheft für die pazifistische Bewegung in Europa über ein Fachorgan mit dem Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen zu Krieg und Frieden und einem wichtigen Diskussionsforum über eine friedliche Nachkriegsordnung im zweimaligen Schweizer Exil hin zu einer interdisziplinären Fachzeitschrift, in der vor allem Völkerrechtler, Politikwissenschaftler und Historiker wertvolle Beiträge zur aktuellen Friedens- und Konfliktforschung leisten. Waren Form und Inhalt der Friedens-Warte stets geprägt von historischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts einerseits und der Professionalisierung und Spezialisierung der mit Friedensfragen befassten Wissenschaftsdisziplinen andererseits, so blieb die Kontinuität der Zeitschrift bis in die Gegenwart hinein sowohl hinsichtlich ihres Leitthemas, der friedlichen Lösung von Konflikten in internationalen Beziehungen, als auch bezogen auf ihren Anspruch, friedensbewegtes Engagement auf eine solide theoretische Basis zu stellen, bewahrt.

Friedensbewegte Gründungszeit der Friedens-Warte

Am 1. Juli 1899 erschien in Berlin unter der Federführung des österreichischen Pazifisten, Publizisten und späteren Friedensnobelpreisträgers Alfred H. Fried die erste Ausgabe der Zeitschrift „Friedens-Warte. Wochenschrift für internationale Verständigung“. Besonderen Anlass bot dazu die im selben Jahr einberufene Erste Haager Friedenskonferenz, auf der sich die Teilnehmerstaaten von dem bis dahin allgemein anerkannten Prinzip, wonach Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele galt, abwandten und sich auf eine zunehmende Verrechtlichung internationaler Konfliktregelung verständigten. Für die in jenen Jahren bereits aus ihren Kinderschuhen tretende deutsche Friedensbewegung stellte dies einen bedeutenden Fortschritt auf dem Weg hin zu einer zivilen Regelung von Konflikten dar, und mit der Friedens-Warte sollte der interessierten Öffentlichkeit, die sich zunächst vornehmlich auf bürgerliche Kreise und Friedensvereine erstreckte, Raum geboten werden zur Information und Diskussion über internationale Friedenskonferenzen und grundsätzliche Fragen der Friedensbewegung.

"Die Ideen des werdenden Europas, der Assoziation der Kulturvölker, die Forderung des Rechtes als Grundlage bei der Regelung der internationalen Beziehungen, die Forderung einer von den Gesetzen der Moral beeinflussten internationalen Politik, die Hervorhebung jener Momente, die die Nationen einigen und sie solidarisch machen, sollen in diesen Blättern wie bisher offen und laut zum Ausdruck gebracht werden.“(Alfred Fried, An die Freunde der „Friedens-Warte“, in: FW 4.Jg., Nr. 24,1902, S. 185).

Bis zum Ersten Weltkrieg rückten aber auch aktuelle gewaltsame Konflikte, die tiefgreifendere Kriegsursachenforschung sowie die Schaffung eines neuen Weltstaatenbundes und einer obligatorischen internationalen Strafgerichtsbarkeit in den Fokus der Friedens-Warte. Neben Stellungnahmen von herausragenden Persönlichkeiten wie dem Historiker Ludwig Quidde, dem französischen Diplomaten Baron d´Estournelles de Constant oder dem Literaturnobelpreisträger Romain Rolland bildeten auch die regelmäßig erscheinenden Kolumnen und Randglossen der engagierten Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, mit der Fried bereits vor Erscheinen der Zeitschrift in enger Zusammenarbeit stand, eine Besonderheit.

„It is, on the whole, the most substantial and effective of the publications devoted to peace and arbitration.“ (Nicolas Murray Butler, Präsident der Columbia University in New York und geschäftsführender Direktor der Abteilung für „Intercourse and Education“ der Carnegie-Stiftung über die Friedens-Warte in: Carnegie Endowment for International Peace. Year Book for 1911, Division of Intercourse and Education. Report of the Acting Director, S. 57)

Der Erste Weltkrieg im Schweizer Exil

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges fiel die Friedens-Warte der kriegsbedingten Pressezensur anheim und musste schließlich im Jahr 1915 in Deutschland ganz eingestellt werden, was den Herausgeber Fried dazu bewog, die Veröffentlichung der Zeitschrift aus dem Schweizer Exil in Zürich fortzuführen. Die finanzielle Grundlage wurde dabei durch die seit 1911 gewährten Zuschüsse von Seiten der dem Weltfrieden verschriebenen Carnegie-Stiftung sichergestellt. Zentrales Anliegen der Zeitschrift während der Kriegszeit war die „Vorbereitung des künftigen Friedens“, der eine ganze Serie von Artikeln gewidmet wurde, wobei in diesem Kontext insbesondere der Zusammenhang zwischen der Demokratisierung des internationalen Systems sowie der innenpolitischen Ordnungen der Staaten und der erhöhten Chance zu einem friedlicheren Zusammenleben Gegenstand der Diskussion wurde.


Die Friedens-Warte in der Weimarer Republik

Mit dem 22. Jahrgang kehrte die Redaktion der Friedens-Warte im Jahre 1920 wieder nach Deutschland zurück und leistete mit ihren Beiträgen zum Völkerbundgedanken und der mit dem Versailler Vertrag einhergehenden und von Fried früh erkannten Problematik für das deutsche Volk einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung der durch Krieg und Zensur geschwächten Friedensbewegung. 1921 verstarb Alfred Fried im Alter von 57 Jahren. Die Weiterführung gelang zunächst auf Grundlage einer Zusammenarbeit von Ludwig Goldscheid und weiteren langjährigen Autoren wie Ludwig Quidde, Walther Schücking, Hans Wehberg und Friedrich Hertz, bis schließlich im Jahre 1924 der international renommierte Völkerrechtler Hans Wehberg, der seit der Zeit der Zweiten Haager Friedenskonferenz eng mit dem Organ verbunden war, die Herausgeberschaft übernahm.

“Die Friedens-Warte ist das älteste pacifistische Organ deutscher Zunge, das von Anbeginn für eine auf Recht und Gegenseitigkeit begründete zwischenstaatliche Organisation zur Vermeidung der Kriege eingetreten ist; sie wird als älteste Vorkämpferin des Völkerbundgedankens in ihren Bestrebungen fortfahren, die Politik des wahren Friedens zur alleinigen Richtschnur zu machen, nach der zukünftig die Verständigung der Völker untereinander vor sich zu gehen und die rechtliche Entscheidung zwischenstaatlicher Konflikte zu erfolgen hat.“(Anzeige, in: FW 20.Jg., Nr. 7 (1920), S. 96)

Angesichts des stark polarisierenden Charakters zahlreicher aktueller Themen wie etwa der Kriegsschuldfrage war der neue Herausgeber bemüht, die verschiedenen Strömungen der stark gewachsenen und heterogeneren Friedensbewegung zu Wort kommen zu lassen und von deren Tagungen und Organisationen zu berichten. Mit der Aufnahme der Zeitschrift zum offiziellen Programm der Deutschen Friedensgesellschaft übernahm diese zeitweise eine besondere Verantwortung für das Fortbestehen der Friedens-Warte. Weil zahlreiche rechtliche Regelungen zur Kriegsvermeidung noch im Prozess begriffen waren und die Weiterentwicklung des Völkerbundes mitunter zu einer allgemeinen Rechtsunsicherheit führte, machte sich Wehberg diesen rechtlichen Klärungsbedarf zu eigen und setzte durch einen größeren Anteil an völkerrechtlichen Artikeln neue Akzente für die Zeitschrift, wobei er auch Wissenschaftlern aus dem Bereich der neu entstehenden Disziplin der Internationalen Beziehungen, mit denen er in engem Kontakt stand, Raum zur wissenschaftlichen Erörterung bot. Gehaltvolle Diskussionsforen bildeten darüber hinaus die von Wehberg regelmäßig initiierten „internationalen Umfragen“, die sich mit besonders kontroversen Themen wie etwa der Kriegsdienstverweigerung oder dem Sanktionskrieg beschäftigten.

Verwissenschaftlichung im zweiten Schweizer Exil

Im Jahr 1928 folgte Wehberg einem Ruf an das Genfer „Institut Universitaire des Hautes Etudes Internationales“. Hier setzte allmählich die Umwandlung der Friedens-Warte zu einem wissenschaftlichen Fachorgan ein. Die Verbindungen zur deutschen Friedensbewegung reduzierten sich analog zu deren Spaltungs- und Radikalisierungstendenzen und galten nach ihrer endgültigen Zerschlagung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 als beendet. Die verstärkt wissenschaftliche Behandlung friedensrelevanter Themen ermöglichte den Vertrieb der Friedens-Warte in Deutschland noch bis ins Jahr 1936 hinein, von da an unterlag sie dem Verbot des Hitler-Regimes. In der Folge wurde die relative Zurückhaltung gegenüber dem Dritten Reich aufgegeben, zahlreiche Emigranten fanden in der Friedens-Warte ein Organ, unter dem sie ihre Publikationen weiterführen konnten. Ihr Fortbestehen – freilich unter einer deutlich geschrumpften Auflage – verdankte die Zeitschrift weiterhin der Carnegie-Stiftung. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzten sich viele Beiträge inhaltlich mit historischen Darstellungen und Vergleichen zum Ersten Weltkrieg und dem Scheitern des Völkerbundes auseinander, wodurch man sich wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung der zukünftigen internationalen Ordnung versprach. Neben den Friedenszielen der Alliierten wurden insbesondere die Pläne zur Gründung der Vereinten Nationen umfassend kommentiert. Noch vor Kriegsende befassten sich einige Autoren mit der Frage der deutschen Nachkriegsordnung, auch die Umerziehung als politische Maßnahme wurde diskutiert. Trotz finanzieller Schwierigkeiten gelang es ab 1947, die Zeitschrift in größerem Umfang wieder nach Deutschland zu schicken; in der Nachkriegszeit rückten völkerrechtliche Fragen zur Atomenergie, zur europäischen Einigung oder den Kriegsverbrecherprozessen in den Vordergrund.


Neubeginn als interdisziplinäre Fachzeitschrift

Der abermalige Umzug nach Berlin und eine damit verbundene Neuausrichtung der Friedens-Warte erfolgten nach dem Tod Wehbergs im Jahr 1962 unter dem Verleger Arno Spitz, mit dem Wehberg als Schüler und Freund verbunden gewesen war, und dem am ältesten deutschen Institut für Völkerrecht in Kiel tätigen Völkerrechtler und neuen Herausgeber Jost Delbrück. Mittlerweile waren zahlreiche von der Zeitschrift bereits lange propagierte Ziele wie die europäische Einigung, die internationale Zusammenarbeit in verschiedensten Sachbereichen sowie eine rechtlich normierte internationale Konfliktregelung zur faktischen Realität bzw. allgemein geteiltem Ideengut geronnen. Hinzu kam, dass die Entwicklung der Disziplin der Internationalen Beziehungen als Teilbereich der Politikwissenschaft weit vorangeschritten war und der Völkerrechtslehre nicht mehr allein die Rolle einer Leitwissenschaft in Hinsicht auf Fragen von Krieg und Frieden zufiel. Insgesamt hatte sich der Schwerpunkt von der historischen und rechtlichen Kriegsursachenforschung hin zu einer vermehrt politikwissenschaftlich orientierten Friedens- und Konfliktforschung verlagert. Im Fokus der Friedens-Warte standen nun intergouvernementale Organisationen wie die Vereinten Nationen, die NATO oder der Warschauer Pakt; dokumentiert wurden beispielsweise auch die Herausbildung des Menschenrechtsschutzes sowie die internationalen Abrüstungsverträge. Seit der Wiedervereinigung war auch die Bundesrepublik stärker mit den (auch militärischen) Anforderungen im Bereich der weltweiten Friedenssicherung konfrontiert, solides Fachwissen und intensive Reflexion über eine Politik der aktiven Friedensgestaltung wurden vor diesem Hintergrund dringender gebraucht denn je.

Die Friedens-Warte heute

Seit 1996 wurde die Zeitschrift durch ein neues Herausgebergremium, bestehend aus Prof. Knut Ipsen (bis 2006), Prof. Volker Rittberger () sowie Prof. Christian Tomuschat fortgeführt. Als führende Vertreter der Völkerrechtslehre bzw. der Politikwissenschaft in Deutschland verliehen sie dem interdisziplinären Ansatz der Friedens-Warte erneut Ausdruck. Auf Volker Rittbergers Vorschlag wurde der englische Untertitel "Journal of International Peace and Organization" hinzugefügt. Somit fand die englische Sprache Eingang in die Friedens-Warte. Gleich bleiben sollte indes ihre herausragende Besonderheit: ihre Verankerung in all den Wissenschaften, die sich mit Krieg und Frieden vor allem in den internationalen Beziehungen befassen. So wurde bewusst darauf verzichtet, die Zeitschrift einseitig und nur einer der beteiligten Disziplinen zuzuordnen. Seit 2011 wird Prof. Tomuschat durch die Herausgeber Andreas von Arnauld als Rechtswissenschaftler und Tobias Debiel als Politikwissenschaftler unterstützt. Sie sind verantwortlich für das aktuelle Profil der Zeitschrift, das das traditionelle Anliegen aus ihrer Gründungszeit mit den im Laufe ihrer Entwicklung neu hinzugetretenen Herausforderungen verbindet mittels der wissenschaftlichen Aufklärung und Auseinandersetzung, der internationalen Ausrichtung, der Vermittlung zwischen den einzelnen Fachwissenschaften, die mit friedensrelevanten Fragen befasst sind, sowie der Weitergabe friedenswissenschaftlicher Erkenntnisse an die politische Praxis will die Friedens-Warte ihren Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens, verstanden in einem umfassenden Sinne als gewaltfreie Behandlung von Konflikten zwischen Staaten sowie zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren leisten.